Kredit für E-Commerce-Seller – welcher Weg passt zu deinem Geschäftsmodell?
Startpunkt: Wie entsteht dein Umsatz?
Frage 1: Verkaufst du physische Produkte mit Lagerbestand?
- Ja → weiter zu Pfad A
- Nein (Dropshipping / Print-on-Demand) → weiter zu Pfad B
Pfad A: Eigener Lagerbestand (klassischer Onlinehandel)
Diagnose
- Kapital bindet sich im Warenbestand
- Umsatz wächst oft schneller als Liquidität
- Vorfinanzierung entscheidet über Skalierung
Frage 2: Wie stabil ist dein Absatz?
- Planbar (Shop, Stammkunden, Marktplätze) → A1
- Volatil (Ads-getrieben, Launches) → A2
A1 – Planbarer Absatz
Empfohlene Finanzierung
- Betriebsmittelkredit (Warenfinanzierung)
- ggf. Lagerfinanzierung
- Ergänzend Förderkredit über KfW (Investitionen, IT)
Warum:
Banken mögen Wiederholungskäufe, stabile Conversion-Raten und klare Abverkaufszyklen.
Typische Beträge:
20.000–250.000 €
A2 – Volatiler Absatz (Ads & Launches)
Empfohlene Finanzierung
- Kurzfristiger Betriebsmittelkredit
- Fintech-Lösungen mit Open-Banking-Prüfung
- Keine langen Laufzeiten
Warum:
Umsätze sind hoch, aber schwankend – Flexibilität schlägt Zins.
Typische Beträge:
10.000–100.000 €
Pfad B: Kein Lagerbestand (Dropshipping / POD)
Diagnose
- Geringe Fixkosten
- Hohe Abhängigkeit von Marketing
- Cashflow oft positiv, aber instabil
Frage 3: Wofür brauchst du Kapital?
- Marketing & Ads → B1
- Systeme / Automatisierung → B2
B1 – Marketing & Ads
Empfohlene Finanzierung
- Kurzfristiger Online-Kredit
- Umsatzbasierte Finanzierung
- Keine klassischen Bankdarlehen
Warum:
Banken finanzieren Lager, nicht Kampagnen.
Finanzierung muss mit ROAS skalieren können.
Typische Beträge:
5.000–50.000 €
B2 – Systeme & Automatisierung
Empfohlene Finanzierung
- Investitionskredit (kurz/mittel)
- Leasing für Hardware
- ggf. Förderprogramme
Warum:
Technik ist investiv, planbar und argumentierbar.
Zusatzpfad: Verkauf über Marktplätze
Frage 4: Verkaufst du überwiegend über Amazon, eBay oder Shopify-Shops mit Marktplatz-Traffic?
- Ja → Banken prüfen Abhängigkeit & Margen
- Nein → Direktvertrieb bevorzugt
Hinweis:
Hohe Marktplatzabhängigkeit = höheres Risiko → kürzere Laufzeiten.
Was Banken bei E-Commerce wirklich prüfen
Unabhängig vom Pfad schauen Kreditgeber auf:
- Rohertragsmarge (nicht nur Umsatz)
- Warenumschlag & Lagerdauer
- Retourenquote
- Abhängigkeit von Ads / Plattformen
- Liquiditätsreserve (mind. 2–3 Monate)
Merksatz:
Umsatz ohne Marge ist für Banken wertlos.
Häufige Ablehnungsgründe
- Wachstum ohne Eigenkapitalpuffer
- Warenbestand schlecht dokumentiert
- private Entnahmen bei Hochsaisons
- zu hohe Abhängigkeit von einem Kanal
- keine Trennung privat / geschäftlich
Schneller Selbsttest (30 Sekunden)
Beantworte ehrlich:
- Weißt du, wie viel Kapital aktuell im Lager steckt?
- Kennst du deine echte Marge nach Retouren?
- Könntest du 2 Monate ohne neuen Umsatz überstehen?
Wenn nein, ist Finanzierung möglich – aber riskant.
E-Commerce ist finanzierbar, wenn das Modell verstanden wird.
Nicht der Shop entscheidet über Kreditwürdigkeit, sondern Cashflow-Logik, Marge und Vorfinanzierung.
Fazit:
Wer Finanzierung entlang seines Geschäftsmodells auswählt – statt umgekehrt – nutzt Kredit als Wachstumstool und nicht als Notlösung.